Teil 2 unserer Serie: Offen. Kommunal. Gemeinsam.
Open Source wird häufig zuerst über Lizenzen erklärt. Also über die Frage: Darf der Quellcode eingesehen, genutzt, verändert und weitergegeben werden? Das ist wichtig. Aber für Kommunen greift diese Sicht zu kurz. Denn im kommunalen Alltag entscheidet nicht allein die Lizenz darüber, ob eine digitale Lösung langfristig tragfähig ist. Entscheidend ist auch, ob Kommunen sie verstehen, betreiben, anpassen, gemeinsam weiterentwickeln und voneinander lernen können. Genau deshalb ist Open Source für Kommunen mehr als ein technisches oder rechtliches Modell. Es ist ein Ansatz für Zusammenarbeit. Mit genau diesem Ansatz beschäftigt sich die Anwendergemeinschaft der Smart Village App seit einigen Jahren. Umso passender, dass die neue Studie des Smart City Dialogs genau diesen Aspekt näher beleuchtet. Unter dem Titel „Open-Source-Projekte gemeinsam steuern: Community- und Produktmanagement in interkommunalen Entwicklungspartnerschaften“ finden sich geballtes, gesammeltes Wissen zum Thema Open Source und Community-Building. Die Publikation findet sich kostenfrei unter dem folgenden Link: https://www.smart-city-dialog.de/wissen/publikationen/open-source-projekte-gemeinsam-steuern-community-und-produktmanagement
Von der Software zur gemeinsamen Infrastruktur
Viele Kommunen stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Bürgerinnen und Bürger erwarten digitale Zugänge zu Informationen und Services. Verwaltungen müssen ihre Angebote verständlich, aktuell und verlässlich bereitstellen. Gleichzeitig sind Personal, Zeit und Budgets begrenzt.
Die naheliegende Frage lautet daher: Warum sollte jede Kommune für sich allein Lösungen entwickeln, beschaffen oder anpassen, wenn viele Anforderungen ähnlich sind?
Open Source bietet hier einen anderen Weg. Eine Lösung wie die Smart Village App kann von mehreren Kommunen genutzt, geprüft, verbessert und weitergedacht werden. Nicht als starres Produkt, das überall gleich eingesetzt werden muss, sondern als gemeinsame Grundlage, die lokal angepasst werden kann. So entsteht aus Software schrittweise kommunale Infrastruktur.
Open Source heißt nicht: kostenlos und ohne Verantwortung
Ein Missverständnis hält sich hartnäckig: Open Source bedeute vor allem, dass Software kostenlos verfügbar sei. Für Kommunen ist das nicht der entscheidende Punkt.
Auch offene Software muss gepflegt, dokumentiert, betrieben, abgesichert und weiterentwickelt werden. Es braucht Ansprechpartner, technische Wartung, redaktionelle Prozesse, Support, Schulung und strategische Entscheidungen. Der Unterschied liegt nicht darin, dass keine Kosten entstehen. Der Unterschied liegt darin, wie mit diesen Kosten umgegangen wird.
Bei proprietären Lösungen zahlt jede Kommune häufig für sich allein. Wissen, Anpassungen und Weiterentwicklungen bleiben oft in geschlossenen Systemen. Bei Open Source können Investitionen geteilt werden. Was eine Kommune verbessert, kann auch anderen nützen. Was eine Kommune lernt, kann zur Orientierung für andere werden.
Open Source verschiebt damit den Fokus:
Nicht jede Kommune bezahlt nur für ihre eigene Einzellösung.
Mehrere Kommunen investieren gemeinsam in eine Grundlage, von der viele profitieren können.
Digitale Souveränität beginnt bei Nachvollziehbarkeit
Für die öffentliche Verwaltung ist Nachvollziehbarkeit ein zentraler Wert. Entscheidungen müssen begründbar sein. Verfahren müssen überprüfbar bleiben. Abhängigkeiten sollten bewusst gestaltet werden. Das gilt auch für digitale Lösungen.
Wenn Software offen einsehbar ist, entsteht Transparenz. Kommunen können besser verstehen, wie eine Lösung funktioniert, welche Abhängigkeiten bestehen und welche Anpassungen möglich sind. Sie sind nicht vollständig darauf angewiesen, dass ein einzelner Anbieter alle Fragen beantwortet oder alle Entwicklungsentscheidungen vorgibt.
Das bedeutet nicht, dass jede Kommune selbst programmieren muss. Aber sie kann informierter entscheiden. Sie kann Dienstleister beauftragen, Anforderungen gemeinsam mit anderen Kommunen formulieren und Entwicklungen besser nachvollziehen. Digitale Souveränität heißt in diesem Sinne nicht: alles allein machen. Sie heißt: handlungsfähig bleiben.
Zusammenarbeit braucht mehr als Code
Ein offenes Repository allein macht noch keine erfolgreiche kommunale Lösung. Damit Open Source in der Verwaltung funktioniert, braucht es Strukturen der Zusammenarbeit. Kommunen müssen wissen:
- Wer nutzt die Lösung bereits?
- Welche Erfahrungen gibt es im Betrieb?
- Welche Funktionen werden gebraucht?
- Welche Weiterentwicklungen sind geplant?
- Wie können Anforderungen gebündelt werden?
- Wer übernimmt Verantwortung für Pflege, Kommunikation und Koordination?
Hier setzt die Idee einer Anwendergemeinschaft an. Die Smart Village App Community versteht Open Source deshalb nicht nur als Veröffentlichung von Code, sondern als gemeinsamen Arbeitszusammenhang. Kommunen können voneinander lernen, Anforderungen sichtbar machen, Erfahrungen teilen und gemeinsame Entwicklungspfade diskutieren. So wird aus technischer Offenheit praktische Zusammenarbeit.
Der eigentliche Mehrwert liegt in der Wiederverwendung
Kommunale Digitalisierung scheitert selten daran, dass es keine Ideen gibt. Häufig scheitert sie daran, dass gute Lösungen nicht systematisch weitergetragen werden.
Ein Projekt entsteht in einer Kommune. Es wird gefördert, entwickelt, getestet und eingeführt. Nach Projektende fehlt jedoch oft die Struktur, um das Ergebnis dauerhaft zu betreiben oder für andere nutzbar zu machen.
Open Source kann diesen Kreislauf durchbrechen, wenn es ernsthaft umgesetzt wird.
Dann bleibt eine Lösung nicht an einen einzelnen Projektkontext gebunden. Sie kann von anderen Kommunen übernommen, angepasst und weiterentwickelt werden. Erfahrungen aus einer Kommune werden zur Grundlage für die nächste. Fehler müssen nicht überall neu gemacht werden. Gute Ideen können schneller verbreitet werden.
Das ist besonders wichtig für kleinere und mittlere Kommunen. Sie haben oft nicht die Ressourcen, eigene digitale Plattformen von Grund auf zu entwickeln. Sie können aber sehr wohl von gemeinsamen Lösungen profitieren, wenn diese verständlich, zugänglich und anschlussfähig organisiert sind.
Open Source ist auch eine Frage von Haltung
Open Source stellt für Kommunen eine einfache, aber weitreichende Frage: Wollen wir Digitalisierung als Reihe einzelner Beschaffungen verstehen — oder als gemeinsame Gestaltungsaufgabe? Die Smart Village App folgt dem zweiten Ansatz. Sie ist nicht nur eine App für einzelne Orte. Sie ist ein Beispiel dafür, wie kommunale Anforderungen, technische Entwicklung und gemeinschaftliche Nachnutzung zusammengedacht werden können.
Das verlangt eine andere Haltung:
- Offenheit statt Insellösung
- Zusammenarbeit statt Parallelentwicklung
- Nachnutzung statt Neuerfindung
- gemeinsame Verantwortung statt isolierter Einzelprojekte
- langfristige Pflege statt kurzfristiger Projektlogik
Open Source ist damit nicht das Ende der Arbeit. Es ist der Anfang einer anderen Form kommunaler Zusammenarbeit.
Was heißt das konkret für Kommunen?
Für Kommunen bedeutet Open Source nicht, dass sie alles selbst betreiben oder entwickeln müssen.
Es bedeutet vielmehr, dass sie Teil eines gemeinsamen Ökosystems werden können. Sie können eine vorhandene Lösung nutzen, eigene Anforderungen einbringen, Erfahrungen aus anderen Kommunen übernehmen und gemeinsam mit anderen an Verbesserungen arbeiten.
Gerade bei Anwendungen wie der Smart Village App ist das entscheidend. Denn viele Funktionen betreffen Themen, die in fast jeder Kommune vorkommen: Nachrichten, Veranstaltungen, Orte, Dienstleistungen, Beteiligung, lokale Informationen oder Schnittstellen zu bestehenden Fachverfahren.
Die konkrete Ausgestaltung ist lokal unterschiedlich. Die Grundanforderungen sind aber oft ähnlich.
Genau hier liegt die Stärke gemeinsamer Open-Source-Lösungen: Sie verbinden lokale Anpassbarkeit mit gemeinsamer Weiterentwicklung.
Fazit: Open Source ist ein Betriebs- und Kooperationsmodell
Für Kommunen ist Open Source mehr als ein Lizenzmodell. Es ist ein Weg, digitale Lösungen transparenter, nachhaltiger und kooperativer zu gestalten. Es ermöglicht Nachnutzung, stärkt digitale Souveränität und schafft die Grundlage dafür, dass Investitionen nicht nur einmalig wirken, sondern in eine gemeinsame Entwicklung einfließen. Die Smart Village App Community zeigt, wie dieser Ansatz praktisch werden kann: als offene kommunale Lösung, die nicht nur veröffentlicht, sondern gemeinsam getragen und weiterentwickelt werden soll.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur: Ist der Code offen? Sondern: Sind auch Zusammenarbeit, Verantwortung und Weiterentwicklung so organisiert, dass Kommunen langfristig davon profitieren?
Ausblick: Worum es in der Serie weitergeht
Dieser Beitrag ist Teil 2 unserer Serie „Offen. Kommunal. Gemeinsam.“ Im nächsten Beitrag geht es um die Frage, wie aus einer einzelnen Anwendung eine Anwendergemeinschaft wird — und warum Community Management für kommunale Open-Source-Projekte kein Zusatz, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor ist.
Teil 3: Von der Einzelanwendung zur Anwendergemeinschaft (nächster Beitrag)
Teil 4: Governance, Betrieb und Verantwortung – wer entscheidet eigentlich was?
Teil 5: Warum „jede Kommune kocht ihre eigene Suppe“ ein Problem ist – und wie es anders geht